Schülerauslandsverschickung

Kann mensch noch guten Gewissens 15-/16-jährige Schüler*innen für ein Jahr in ein Land wie die USA schicken? Habe länger darüber nachgedacht und komme immer wieder zum gleichen Schluss: Ja, gerade jetzt!

Kann mensch noch guten Gewissens 15-/16-jährige Schüler*innen für ein Jahr in ein Land wie die USA schicken? Habe länger darüber nachgedacht und komme immer wieder zum gleichen Schluss: Ja, gerade jetzt!

Gestern saß ich mal wieder den ganzen Tag in YFU-Auswahlen für unser Schüleraustauschprogramm. Als Auswahlleiter fängt der „Spaß“ dabei bereits vorher an – detaillierte Bewerbungsunterlagen sind zu sichten und müssen für die Gruppe exzerpiert werden. Während ich mich bisher immer richtig auf die Auswahlen freute kam dieses Mal eine gewisse Unsicherheit auf.

Aktuell beschleicht vermutlich nicht nur mich das Gefühl, dass die Liste der Länder, die mensch besuchen möchte, in denen mensch sich vorstellen kann auch mal zu leben irgendwie immer kürzer wird. Russland, Ungarn, Türkei, Großbritannien – jetzt auch noch die USA… Will ich da wirklich junge Menschen noch hinschicken?

Vor kurzem gab es in der taz einen Erfahrungsbericht einer Berliner Schülerin, die es für ein Jahr nach Minnesota verschlagen hat. Beim ersten Lesen dachte ich nur, „die hat den ganzen Sinn des Austauschs ja mal komplett falsch verstanden.“ Bin mir immer noch nicht sicher, dass die Botschaft angekommen ist – beruhige mich aktuell vor allem damit, dass Sie eigentlich mehr über sich und ihre kleine, heile, vermeintlich links-liberale Welt erzählt hat als über das Jahr in den USA. Gleichzeitig nur leider eben auch zu viele klassische Klischees unreflektiert reproduzierte.

Was mir nur zeigt, wie dringend nötig Austauschprojekte sind. Gerade jetzt! Es geht darum, möglichst vielen jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, mehr von der Welt zu sehen, andere Kulturen und Lebensweisen kennen zu lernen. Und damit vor allem zu lernen, wie wichtig Perspektivwechsel, Bereitschaft zum Zuhören und Lernen und Offenheit für Neues, Unbekanntes sind. Das gilt übrigens für beide Seiten: Schüler*innen und deren Familien und Freund*innen wie auch für aufnehmende Familien, Schulen und Gemeinschaften, in denen die Schüler*innen zu Gast sind. Und damit es funktioniert landen die meisten Kids halt nicht in irgendeiner anonymen Großstadt, sondern in Umgebungen, die schon auch mal herausfordernd sein können – auch oder vielleicht vor allem wenn mensch in nem hippen Berliner Bezirk aufgewachsen ist und erstmal lernen muss, wie schwer Toleranz außerhalb der eigenen Wohlfühlblase tatsächlich sein kann.

Insofern war auch die gestrige Auswahl wieder – bei aller Anstrengung – ein echter Genuss. Insgesamt 15 Schüler*innen zu erleben, die bereit sind, sich dem Abenteuer zu stellen. Die mit unterschiedlichsten Motivationen in insgesamt alle Ecken der Welt gehen möchten um zu lernen, Erfahrungen zu sammeln, zu wachsen und gleichzeitig das gute Deutschland zu repräsentieren.

Und ich bin sehr froh, dies in einer Organisation zu tun, deren Anspruch ist, gerade nicht nur reiche, verwöhnte Kinder auf den Weg zu bringen, deren Eltern den Trip im Zweifelsfall auch einfach bei ner professionellen Organisation kaufen können. Mensch konnte gestern wieder die gesamte Palette heutiger Lebens- und Familienmodelle finden. Und es waren von Zahnärzten über Angestellte bis hin zum Kraftfahrer und der Reinigungskraft alle Berufs- und Einkommensgruppen als Eltern vertreten.
Schüler-Bafög, Stipendien und Ratenzahlungen machen es zum Glück auch Schüler*innen aus Familien mit wenig bis keinem finanziellen Polster möglich, ihren Traum zu verwirklichen.

Dafür braucht es natürlich immer Menschen, die das unterstützen: Als Gastfamilien, als Paten, als Multiplikatoren und gern auch als Spender. Mitmachen? Mitmachen!

 

 

Autor: tomatenfisch

If I can´t dance to it, it´s not my revolution. emotionale Dampfwalze eitle Rampensau immerwaehrender Besserwisser und trotzdem gibt es Leute die mich moegen. Verrückt. :-) Fav's: Stockholm; Punk; IndieRock; Dancing; Parties; Running; Vodka; NewEngland; RedSox; Tea; JellyBeans; Books; Movies; RadioEins and about thousand other things that make life worth living every single day...

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