Ode an mein Amerika

Gäbe es das „echte“ Amerika, es läge in Lanford, Illinois. Eine Horde von Everyday-Americans mit, für die damalige Zeit, im Fernsehen unerhört realistischen Alltagsproblemen: Schlechte Jobs aber nie den Optimismus verlieren. Immer den letzten Dollar dreimal umdrehen müssen und doch nie wirklich in Armut leben.

Mal für eine Minute angenommen, es gäbe das eine Durchschnittsamerika, von dem immer wahlweise mystisch glorifizierend oder verdammend abwertend die Rede ist, es wäre weder im Central Perks zu finden, wo sich die Friends trafen, noch in Miami, wo 4 Goldene Mädchen ihr Unwesen trieben. Es wäre auch nicht im Springfield der kleinen gelben Wesen, die irgendwie einfach nicht älter werden. Es wäre nicht im vollen Haus in San Francisco zu finden. Es wäre nicht die Familie des erfolgreichen schwarzen Arztes mit Haus in New York – so sympathisch die auch waren. Und schon gar nicht wäre dieses Amerika in Südkalifornien zu finden – wo eine ganze Batterie von Schülern immer wieder ihr Unwesen trieb: 90210, Orange County usw.

Gäbe es dieses „echte“ Amerika, es läge in Lanford, Illinois. Eine Horde von Everyday-Americans mit, für die damalige Zeit, im Fernsehen unerhört realistischen Alltagsproblemen: Schlechte Jobs aber nie den Optimismus verlieren. Immer den letzten Dollar dreimal umdrehen müssen und doch nie wirklich in Armut leben. Kinder, die früh lernen, sich um sich selbst zu kümmern und gleichzeitig dann doch sehr behütet aufwachsen.  Eine Familie, die alles andere als zimperlich, fein oder konventionell unterwegs ist und stattdessen ein klares und einfaches Verständnis von echtem Anstand hat – und auch lebt. Und um sie herum eine Stadt, der mensch so exemplarisch beim Niedergang zusehen kann, wie es so viele US-Gemeinden aller Größen in den letzte 30 Jahre erlebt haben, an denen wirtschaftliche Booms, neue Technologien und Reichtum irgendwie immer vorbeigingen und scheinbar nur die Rezessionen auch real spürbar waren.

Wer sich noch immer fragt wovon ich rede, ein Geständnis – ich liebe „Roseanne“! Ich finde, auch nach über 20 Jahren hat diese Sitcom von Anfang bis Mitte der 90er Ihre Aktualität nicht verloren. Im Gegenteil – wer gerade aktuell wirklich verstehen will, wie Durchschnittsamerikaner so ticken, was sie bewegt, wovor sie sich sorgen; der sollte mal in die alten Folgen schauen. Auf irgendeinem Spartensender läuft bestimmt ne Wiederholung.

Als ich die Serie zuerst sah war ich selbst als Schüler in den Staaten, in Maryland, bei einer Familie die der von Roseanne sehr ähnelte. Ich lernte Menschen kennen, die offenherzig waren, die in keiner Situation auf den Mund gefallen schienen. Irgendwie modern und gleichzeitig sehr wertkonservativ. Und offensichtlich bereit, nen fremden Jugendlichen aus Deutschland für ein Jahr aufzunehmen und an ihrem täglichen Familienchaos teilhaben zu lassen. Ich lernte Teile der Familie kennen, die im ländlichen Teil Marylands mit über 70 noch arbeiteten um über die Runden zu kommen. Oder in North Carolina in einem Trailer Park lebten, irgendwie alle Kriterien echter Rednecks erfüllten. Und doch bekam ich da den „Rolling Stone“ zum ersten Mal zu lesen und entdeckte eine Frank Zappa Sammlung, wie ich sie danach nie wieder irgendwo gesehen habe.

In meiner Zeit bei eBay hatte ich dann wieder das Glück, viele großartige Menschen kennenzulernen und Zeit mit ihnen zu verbringen. Eine meiner Lieblingskolleginnen lebt in Omaha, Nebraska. Politisch trennt uns vieles – Ihre Offenheit, Ehrlichkeit und auch ihre Direktheit habe ich aber immer geliebt. Das gleiche gilt für viele Kollegen, die ich in Salt Lake City, Utah, kennenlernen durfte. An all diese Menschen muss ich immer wieder denken, wenn ich Roseanne mal wieder im TV sehe.

Warum ich das erzähle? Weil es mich daran erinnert, dass auch ich – trotz meiner eigenen Erfahrungen – gelegentlich verallgemeinere und in letzter Zeit vor allem ratlos bin, was mein Verhältnis zu den USA betrifft. Und dann denke ich wieder daran, was ich schon als 15-jähriger Schüler versuchte, Menschen zu erklären: Meine Liebe gilt den Menschen, gilt der Kultur, gilt der tatsächlich typischen amerikanischen Zuversicht. Trotz aller Unzulänglichkeiten. Und egal, wer da gerade regiert.

Autor: tomatenfisch

If I can´t dance to it, it´s not my revolution. emotionale Dampfwalze eitle Rampensau immerwaehrender Besserwisser und trotzdem gibt es Leute die mich moegen. Verrückt. :-) Fav's: Stockholm; Punk; IndieRock; Dancing; Parties; Running; Vodka; NewEngland; RedSox; Tea; JellyBeans; Books; Movies; RadioEins and about thousand other things that make life worth living every single day...

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