Links, modern… wählt diesmal Grün!

„Die Parteien laufen sich warm für die Bundestagswahl am 24.9.2017. Zeit also, sich ein eigenes Bild zu machen! In dieser Serie beschäftige ich mich mit einzelnen Themen, Personen und anderen Faktoren, die für meine Entscheidung in Summe wichtig sind und bewerte jeweils die Parteien nach ihrer Performanz – ganz subjektiv entsprechend meiner persönlichen Wahrnehmung…“ So hieß es ab Februar in der Serie, die ich auf diesem Blog startete – seitdem ist viel passiert.

Ich habe es probiert und es ist mir nicht gelungen: Eine ergebnisoffene Bewertung der Inhalte und KandidatInnen für mich in Frage kommender relevanter Parteien mit dem Ziel, einer objektivierten Wahlentscheidung über das „habe ich immer schon so gemacht“ oder „die/der sieht nett aus“ hinaus.

Am Ende steht eine Entscheidung, die Einige überraschen mag – viele, die mich kennen wohl nicht (mehr) so sehr: Diesmal geht meine Zweitstimme zur Bundestagswahl an die Grünen.

Zur Erinnerung noch einmal die Prämissen, die zu Beginn des Experiments definiert wurden (komplette Liste hier):

  1. Nicht Wählen ist keine Option.
  2. Inhalte sind wichtig.
  3. Ich will wissen wofür Ihr seid.
  4. Ich will, dass Ihr bereit seid, Verantwortung zu übernehmen.
  5. Inhalt und Verpackung müssen passen.
  6. Perfekt ist unwahrscheinlich – Bestmöglich reicht mir schon.

Der Weg zur Entscheidung war nicht einfach und ich sage sehr direkt und offen, die aktuelle Entscheidung ist ein derzeitiger Status, kein Lock-In und vor allem kein uneingeschränkter Liebesbeweis für die Grünen per se. Am Ende traf wie erwartet vor allem der Punkt 6 zu: Perfekt ist unwahrscheinlich.

Warum Grün?

  1. Weil der Klimawandel real ist und ich denke, dass jetzt alles (!!!) darauf fokussiert werden muss, die Folgen wenigstens zu minimieren und Menschen ehrlich auf das vorzubereiten was da kommen wird. Dafür sind Einschnitte notwendig die keiner von uns mögen wird und dafür braucht es Menschen, die das wissen und auch bereit sind, mit unpopulären Vorschläge zu nerven.
  2. Weil ich denke, dass die Vertiefung der europäischen Einigung der einzig sinnvolle Schritt auf dem Weg zu einer solidarischen Weltgemeinschaft ist und ich keine andere deutsche Partei wahrnehme, die klar pro-europäisch auftritt und gleichzeitig notwendige Demokratisierung und sozialen Ausgleich vorantreiben möchte.
  3. Weil ich denke, dass die Grünen das Thema digitale Transformation verstanden haben und einen realen und notwendigen Ausgleich suchen, die Chancen für mehr Teilhabe heute benachteiligter Menschen (weltweit!!!) zu realisieren ohne die Herausforderungen (Datenschutz, Monopolisierung) zu ignorieren.
  4. Weil ich denke, dass die Grünen zumindest in Zügen eine positive Geschichte zu erzählen haben, mit Ihren Zielen und wie sie dahin kommen wollen. Ausbaufähig, im Detail diskutierbar und doch nach vorne gerichtet – sie wollen die Gesellschaft weiter verbessern und ruhen sich nicht auf Erreichtem aus. Und das ist auch dringend notwendig.

Warum dennoch Bauchschmerzen bleiben?

  1. Der Trend in die Mitte ist ungebrochen, die Gefahr, dass meine Stimme in einer Koalition mit der CDU landet ist real. Und doch denke ich, in der aktuellen Konstellation wäre das noch immer die Option, in der am ehesten wenigstens einige wichtige Themen – allen voran Energiewende und Klimawandel – vorangebracht werden können. Die SPD wird immer zuerst auf ihre “Arbeiter“ schielen statt ehrliche Antworten zu geben und was passiert, wenn Schwarz-Gelb oder gar Schwarz-Blau kommt will ich mir gar nicht ausmalen. Denn R2G – immer mein Favorit – wird objektiv nicht passieren: Keine Mehrheit, keine Bereitschaft bei den handelnden Personen, zu viele verpasste Chancen der notwendigen Vorbereitung im Vorfeld.
  2. Die Spitzenkandidaten haben den Charme eines Alt-Funktionärs. Frau Bayram hat doch recht: Die könnten auch CDU-Ortsvorsteher sein. Frau Göring-Eckardt und Herr Özdemir sind für mich in keiner Weise  überzeugend – weder inhaltlich noch als Person. Meine Stimme ist also klar eine trotz der Spitzenkandidaten. Was da vielleicht hilft ist, dass ich ja als Neu-Niedersachse Jürgen Trittin auf dem Zettel habe – auch ein arroganter, eitler Macho vor dem Herrn, aber wenigstens klar in Inhalten und Ansprache.
  3. Unklare Haltungen wo ich anderes von den Grünen erwarten würde: Militarisierung der Innenpolitik, G20-Übergriffe, rassistischer Umgang der Polizei mit Migranten – die Zeiten klarer Haltung auch gegen den tobenden Mob scheinen vorbei – staatstragendes Verhalten ist angesagt. Und wenn dann doch mal jemand wie Frau Peter (aka Bundessprecherin B90/Grüne) notwendige Fragen aufwirft (Köln, Neujahr 2017) wird sie von der eigenen Partei sofort plattgemacht. Und doch – dafür sind sie nun wohl einfach lange genug im Betrieb – parlamentarisch werden dann die verfügbaren Instrumente genutzt um aufzuarbeiten, was falsch läuft. Wenn jetzt noch konsequent Ableitungen und progressive Veränderungen eingefordert und erkämpft würden…

Zur Erklärung der Entscheidung ein kurzer Blick zurück – ohne zu tief in der eigenen Lebensgeschichte zu schwelgen:

Als ich politisch sozialisiert wurde – also noch kurz vor der Wende – gehörte ich zu den Ostdeutschen, die auch westdeutsche Politik aktiv beobachteten und „virtuell mitwählten“. Von den Grünen (Petra Kelly, Jutta Ditfurth & Co.) und vor allem von der Alternativen Liste in Westberlin fasziniert, freute ich mich sehr, als Anfang 1989 eine Rot-Grüne Regierung ins Amt kam. Nach der Wende wäre ich vermutlich bei den Grünen gelandet – hätte es da nicht Bündnis90 gegeben. Der Beitrag zur Wende war unbestritten wichtig – mit der undifferenzierten Jagd aller danach, die irgendwie in der DDR Dinge am Laufen hielten, hatte ich ein großes Problem. Unterschieden wurde nicht, wer aus Fehlern gelernt hatte und wer nicht, sondern sortiert wurde klassisch Schwarz-Weiss und im Zweifel klar antikommunistisch. Da fand ich mich mit meiner Lebensrealität und Erfahrung der Wendezeit nicht wieder und landete über Umwege bei der SED, dann SED/PDS und war mit Pausen schließlich viele Jahre meines Lebens politisch klar verankert. B90/Grünen gingen in der Zeit eher einen anderen Weg – und doch war irgendwie immer klar, dass sie ins gleiche Lager gehören – links-Progressiv, vielleicht ein bisschen zu sehr in Richtung liberale Mitte blinkend.

In den 2000ern dann die Entfremdung mit dem – wie ich fand – überzogenen Populismus der Linken seit Hartz-Reform und der zunehmenden Verschiebung weg von konstruktiv-kritischer Opposition mit Anspruch, es besser zu machen hin zum „Wir waren immer schon dagegen und alle anderen sind sowieso doof“. Ausnahmen – insbesondere Berlin – wurden und werden intern stärker angegriffen als die politischen Gegner das je könnten. Seitdem heimatlos und doch ja nicht unpolitisch oder gar uninteressiert. Es passte einfach nix mehr und ich hatte – offen gesagt – keine Lust meine Zeit immer nur in der Minderheit zu verbringen.

Darum diesmal Grün! Nicht aus Liebe, nicht aus uneingeschränkter Überzeugung, sondern damit die richtigen Themen angegangen werden und weil die Grünen bereit sind, dafür das Risiko der Verantwortung einzugehen.
Denn sind wir ehrlich: Frau Merkel wird auch weiterhin Kanzlerin bleiben – die Frage steht nur noch, mit wem. Wer unter diesen Vorzeichen realistisch Schadensbegrenzung betreiben will und zumindest noch ein paar progressive Themen vorantreiben möchte kann aktuell nur Grün wählen. Ich habe es – zum ersten Mal in meinem Leben – getan. Du kannst das auch! Vor allem aber: Geh wählen – Ausreden gibt es keine!!!

Die Parteien laufen sich warm für die Bundestagswahl am 24.9.2017. Zeit also, sich ein eigenes Bild zu machen! In dieser Serie beschäftige ich mich mit einzelnen Themen, Personen und anderen Faktoren, die für meine Entscheidung in Summe wichtig sind und bewerte jeweils die Parteien nach ihrer Performanz – ganz subjektiv entsprechend meiner persönlichen Wahrnehmung.
Ich habe Euch eingeladen, mich auf meiner eigenen Suche nach der richtigen Wahlentscheidung zu begleiten und freue mich weiterhin auf einen regen Austausch. Die komplette Serie findet Ihr hier.

Autor: tomatenfisch

If I can´t dance to it, it´s not my revolution. emotionale Dampfwalze eitle Rampensau immerwaehrender Besserwisser und trotzdem gibt es Leute die mich moegen. Verrückt. :-) Fav's: Stockholm; Punk; IndieRock; Dancing; Parties; Running; Vodka; NewEngland; RedSox; Tea; JellyBeans; Books; Movies; RadioEins and about thousand other things that make life worth living every single day...

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