Böses, böses Facebook. Oder wartet… war da was?

Die Aufregungs- und Empörungsmaschine läuft wieder auf Hochtouren. Vieles wird aus meiner Sicht in den üblichen Pauschalverurteilungen zusammengeworfen, dass nicht zusammengehört. Was weiterhin fehlt sind echte Medienkompetenz und demokratische Kontrolle der Medien-Infrastruktur. Der Versuch einer sachlichen Kritik.

Die Aufregungs- und Empörungsmaschine läuft wieder auf Hochtouren. Millionen von Daten der User, derer Freunde und Angehöriger wurden für Microtargeting im Wahlkampf genutzt. Vielleicht – so die implizierte Vermutung – wurde damit sogar Trump zum Präsidenten… Und nun?

Vieles wird aus meiner Sicht in den üblichen Pauschalverurteilungen zusammengeworfen, dass nicht zusammengehört. Berechtigte Fragen und Kritikansätze werden vermischt mit Vermutungen, Halbwahrheiten und Allgemeinplätzen. Versuchen wir es doch mal mit ein paar Dingen, die wir wissen.Mich beschäftigen dabei vor allem vier Aspekte: Was ist neu? Was ist die Konsequenz? Wer ist verantwortlich? Und was passiert?

Was ist neu? – eigentlich gar nix!
Dass in diversen Wahlkämpfen – nicht nur, aber insbesondere bei der US-Präsidentschaftswahl 2016 und bei der Brexit-Abstimmung spezifisch, auf einzelne Nutzer abgestimmte Kampagnen gefahren wurden ist nicht neu. Mehr noch: Diverse Kampagnen davor – inklusive Obama 2008 & 2012 wurden dafür gefeiert, wie Social Media und effektives Data Crunching zum Erfolg führten. Und auch in der prä-Internetzeit, an die sich scheinbar schon niemand mehr erinnern kann, war es Standard, mit kompletten Listen relevanter sozioökonomische Daten durch die Straßen zu ziehen und genau zu schauen, wo Zeit und Geld für Wahlkampf investiert wird und wo nicht.
Regen wir uns jetzt darüber auf, dass bekannte Möglichkeiten tatsächlich genutzt werden oder geht es darum, dass „die Bösen“ es leider aktuell noch effektiver hinbekommen?

Was ist die Konsequenz? – wissen wir so genau nicht…
Impliziert wird in den aktuellen Diskussionen zu Micro-Targeting immer wieder, diese Form von Marketing hätte Menschen manipuliert und irgendwie dazu gebracht, Wahlentscheidungen zu treffen, die sie so gar nicht treffen wollten. Das – finde ich – ist gelinde gesagt Bullshit und entlässt mündige Bürger komplett aus der Verantwortung für eigenes Handeln. Ja, wir beobachten problematische Verstärkungs-Effekte fataler, gesellschaftsfeindlicher Einstellungen. Ja, Menschen, die für lange Zeit und zu Recht gelernt hatten, ihre kruden Weltbilder für sich zu behalten, bekommen jetzt den Eindruck, diese Einstellungen könnten ggf. mehrheits- oder aber zumindest anschlussfähig sein. Und ja, zum Teil perfideste Methoden werden angewendet um potentielle Wähler zur Wahl zu motivieren oder im Zweifel und je nach Präferenz eben auch davon abzuhalten – früher gab es dafür Telefonketten, Fake-Flugblätter oder Robo-Calls, heute geht das per Social Media halt noch etwas effektiver. Niemand wird jedoch plötzlich ein misanthropisches, missgünstiges, menschenverachtendes oder einfach rassistisches Arschloch, nur weil mensch Fake News zu sehen bekam. Die dafür notwendigen Grundeinstellungen muss mensch weiterhin erstmal mitbringen, diese Werte liegen viel tiefer und sind genau deshalb so schwer zu ändern!

Wer ist verantwortlich? – Wir alle zusammen!

Nun geht es aktuell u.a. darum, dass offensichtlich auch Daten von Dritten – Freunden, Angehörigen etc. – verwendet wurden, die der Nutzung selbst nicht zugestimmt haben, sondern über Apps und genutzte Geräte abgezogen wurden. In kurz – Daten, die ich eventuell im guten Vertrauen einem guten Freund gegeben habe wurden von diesem in fahrlässiger Weise Facebook und Dritten weitergegeben. Warum fahrlässig? Wer von Euch – geneigte Leser – hat das letzte Mal online eine AGB komplett gelesen um die bestimmte App zu bekommen, die gewünschte Seite zu sehen oder das Spiel starten zu können? Politik denkt sich eine Verschärfung nach der anderen zum Schutz privater Daten aus – und wird nicht selten dafür noch als mit dem Bürokratievorwurf konfrontiert. Auf der Metaebene sorgen wir uns alle darum, was ein imaginäres Datenwesen wohl so alles über uns weiss und eventuell auch irgendwann gegen uns verwenden könnte – wenn es überhaupt das Interesse und die Kapazität gäbe, die Riesenmengen von Daten überhaupt individuell auszuwerten. Doch wenn es darauf ankommt, wenn die nächste Opt-In-Aufforderung aufpoppt? „Klick, klick, klick – fertig!“ Für unsere eigene Bequemlichkeit (neudeutsch: Convenience) oder für irgendwelche noch so lächerlichen %-Rabatte und Loyaltypunkte geben wir gerne und freiwillig noch das letzte Detail unserer Privatsphäre preis – und schimpfen dann auf die bösen globalen Konzerne (Facebook, Google, Microsoft, Amazon etc.) dass sie die Frechheit aufbringen, die ihnen gegebenen Informationen und Möglichkeiten auch zu nutzen. Merkt Ihr selber, oder?

Was passiert?
Was mich wirklich irritiert ist die anhaltende Amnesie in Politik und Medien zum Thema. Gefühlt wird die gleiche Sau mittlerweile alle paar Wochen durch die Stadt gejagt und scheinbar fällt keiner/m auf, dass es immer die gleichen alten Nachrichten sind. Dann gibt es wieder ein paar „Breaking News“, vielleicht stürzt der Börsenkurs von Facebook & Co. ein bisschen ab, die üblichen „Experten“ machen wieder ihre Tour durch die Fernsehstudios und Talkshows und irgendein/e Minister/in bestellt ein und macht einmal kurz „Du, Du!“ Eventuell kommt dann noch wer von der Opposition mit nem Vorschlag a’ la „Wir haben immer schon gesagt“ der dann wahlweise als „freiheitsbeschränkend“ und/oder „wirtschaftsfeindlich“ abgetan wird. Und das wars dann wieder bis zum nächsten Mal.

Stellt sich natürlich die Frage, ob und wenn ja was tatsächlich getan werden könnte? Keine Maßnahme allein wird die Herausforderungen lösen, die wir durch die beschleunigte und ungefilterte Kommunikation in Sozialen Netzwerken erfahren. Und einfache Lösungen, die keinem wirklich wehtun wird es wohl auch nicht geben. Wer da behauptet, fertige Antworten parat zu haben möge vortreten – ich habe sie nicht, nur zwei Vorschläge zur Diskussion:

  • Über Medienkompetenz nicht nur reden – endlich schaffen! Und das nicht nur in der Schule sondern für alle Altersgruppen. Wenn wir nicht endlich lernen, bewusst und verantwortlich mit unseren Daten umzugehen, werden keine noch so scharfen regulatorischen Schutzmaßnahmen helfen, sondern immer nur falsche Sicherheit bis zum nächsten Mißbrauch vortäuschen. Die Verantwortung für das eigene Handeln kann und darf niemand einfach abgeben; muss dafür im Zweifel halt dann selber einstehen.
    Neben dem Umgang mit eigenen Daten gehört zur Medienkompetenz aber auch der Umgang mit Nachrichten. Wann ist was in welcher Form mitteilungswert und -fähig? Was nehme ich persönlich für bare Münze und wann sind Skepsis berechtigt, Nachfragen sinnvoll und angebracht? In der heutigen Welt den Überblick nicht zu verlieren und nicht in selbstproduzierten Filterblasen steckenzubleiben braucht mehr denn je guten, qualitativ hochwertigen Journalismus, der Sorgfaltspflicht und Tatsachen nicht Profit und schnellen Spekulationen opfert und gleichzeitig immer auch selbstkritisch und transparent mit der Herausforderung umgeht, dass es einfache Wahrheiten nie gab, nicht gibt und auch in Zukunft nicht geben wird.
  • Kontrolle über die Infrastruktur demokratisieren. Die sozialen Netzwerke sind längst integraler Bestandteil gesellschaftlichen Zusammenlebens. „Lösch doch Dein Profil, wenn es Dir nicht passt!“ ist schon lange keine echte Option mehr. Und Gedankenspiele wie Zerschlagung, lokale Regulierung oder „regionale“ Alternativangebote stehen im direkten Widerspruch zu Sinn, Zweck und Funktionsweise dieser globalen Netzwerke. Ein dem Profit verpflichtetes Unternehmen kann jedoch gar nicht anders als immer wieder neue Wege zu suchen, zu finden und dann auch zu nutzen, die den Profit maximieren helfen. Wenn dem aber so ist bleibt nur noch konsequente, supranationale Kontrolle durch demokratisch legitimierte Instanzen – entweder durch tiefgreifende Regulierung oder halt direkte Kontrolle.

Das Internet wird nicht wieder weggehen und das ist auch gut so. Lange genug haben wir uns über die Vorteile und Möglichkeiten gefreut – für Gesellschaft, für Wirtschaft, für den Privatgebrauch. Viel zu lang haben wir darauf gewartet, dass die „Kinderkrankheiten“ schon verschwinden werden und vielleicht sogar bewusst ignoriert, dass mit neuen Werkzeugen immer auch Möglichkeiten des Missbrauchs einhergehen und am Ende immer die „Bösen“ am ehesten in der Lage sein werden, diese Möglichkeiten maximal auszunutzen. Wilde Verbote, technikfeindliche „Maschinenstürmerei“ und vor allem lokale/regionale Maßnahmen sind nur wenig mehr als kurzfristiger Aktionismus. Es ist Zeit, dass wir alle gemeinsam unserer Verantwortung bei der Nutzung der „Neuen Medien“ bewusst werden und uns entsprechend verhalten – als Bürger und Privatperson gleichermaßen. Und denen klare Grenzen aufzeigen, die das nicht können oder wollen.

Freue mich auf Eure Gedanken, Feedback und vor allem eine sachliche Diskussion!

Update: Und während ich meinen Artikel gerade poste kommt dann noch ne andere Art und Weise, das Thema einfach und direkt aufzubereiten:
https://www.blogrebellen.de/2018/04/05/der-facebook-datenskandal-der-eigentlich-gar-keiner-ist/. I like. 🙂

Autor: tomatenfisch

If I can´t dance to it, it´s not my revolution. emotionale Dampfwalze eitle Rampensau immerwaehrender Besserwisser und trotzdem gibt es Leute die mich moegen. Verrückt. :-) Fav's: Stockholm; Punk; IndieRock; Dancing; Parties; Running; Vodka; NewEngland; RedSox; Tea; JellyBeans; Books; Movies; RadioEins and about thousand other things that make life worth living every single day...

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