Engagement braucht mehr als warme Worte – Rettungsschirm für die Zivilgesellschaft jetzt!

Wenn die Zivilgesellschaft jetzt nicht geschützt wird steht nach der Gesundheitskrise eine ernsthafte Gesellschaftskrise an.
Jetzt Betterplace-Petition unterstützen: https://bit.ly/3fwfJTu

Im Herbst 2015 waren deutsche Behörden von der Zahl der Flüchtenden aufgrund fehlender Vorbereitung erst einmal komplett überfordert. Nach einer anfänglichen scheinbaren Willkommenseuphorie wurde schnell ein kleine, aber laute Minderheit derer groß, die mit Angstmache Stimmung betrieb und am Ende blieb das unsägliche Gerede vom angeblichen Kontrollverlust etc. im Gedächtnis.

Was bei dem Geschrei schnell in den Hintergrund geriet und medial leider eher selten dargestellt wurde, waren und sind all die vielen tausend Menschen & Organisationen, die von Tag eins an vor allem eines getan haben: Helfen, wo Hilfe gebraucht wird. Wenig beachtet von der politischen Diskussion – fast schon, als wäre das ein eigenes, paralleles Universum – sind gemeinnützige Strukturen, lokale Initiativen und viele Individuen ohne zu fragen eingesprungen und haben versucht Lücken zu schließen, die bei Behörden sehr schnell sichtbar wurden, Mängel zu kompensieren und aktiv Unterstützung zu leisten.

Kleiderkammern, menschenwürdige Unterbringung, Verpflegung, Betreuung und ärztliche Versorgung – Bis die staatlichen und Wohlfahrtsstrukturen endlich in Gang kamen, war es das zutiefst uneigennützige Engagement der Zivilgesellschaft dass den tatsächlichen, erlebbaren Teil der Willkommenskultur abbildeten. Und dann sehr schnell auch Initiativen zur Unterstützung der Integration, Begleitung bei behördlichen Bearbeitungen – Sportvereine, lokale Initiativen, Bildungsvereine, Kulturvereine, Gewerkschaften, LGBTIQ*-Gruppen etc. – die Breite der deutschen Zivilgesellschaft stand bereit und entwickelte in hoch effektiver, kreativer und sehr an Bedarfen ausgerichteten Weise Angebote, das Ankommen und Zusammenleben in Deutschland einfacher zu machen.

Auch jetzt, in Zeiten der Gesundheitskrise, ausgelöst durch einen bisher unbekannten Virus, hat dieselbe Zivilgesellschaft sich sofort auf die neue Situation eingestellt. Angebote wurden schnell entwickelt und auf den Weg gebracht, um notwendige physische Distanz zu kompensieren, um soziale Vereinsamung zu bekämpfen. Beratungsangebote wurden auf digitale Wege umgestellt. Die Freiwilligenagentur in Osnabrück hatte innerhalb weniger Tage plötzlich über eintausend Meldungen von Menschen, die einfach nur helfen wollten.

Leider scheint diese viel wirkmächtigere Realität parallel und überwiegend unbeachtet abzulaufen, während in der medialen Wahrnehmung und mehr noch in sozialen Medien schnell der Eindruck entsteht, es gäbe nur noch wahlweise Wirtschaftslobbyisten, die Wirtschaft über Gesundheit stellen  oder sonst einen kruden Mix aus Verschwörungsfanatikern, Impfgegnern und einfach allgemein Egoisten, denen das Wohl jedes anderen Menschen außer Ihnen selbst völlig egal ist.

Doch dieser Eindruck ist eindeutig falsch: Letztere sind zwar vielleicht besonders laut und treten aggressiv auf – weshalb sie leider auch für die Medien scheinbar besonders interessant wirken – aber eine deutlich größere Zahl von Menschen hat die Herausforderungen der aktuellen Situation verstanden und ist aktiv damit beschäftigt, im Rahmen ihrer Möglichkeiten solidarisch Hilfe, Unterstützung, Lösungen anzubieten.

Diese Zivilgesellschaft – die auch, aber nicht nur in Krisenzeiten hochwirksam ist – ist das Rückgrat unserer Gemeinschaft, ein wesentlicher Faktor für den hohen sozialen Wohlstand im Land und basiert auf einem Fundament aus vielen Tausend gemeinnützigen Vereinen, Organisationen, teilweise auch Betrieben und anderweitig organisierten Gruppen und Initiativen. Wohlfahrt, Kinder- und Jugendarbeit, Freizeitsport, Kultur, politische Arbeit, Weiter-/Bildung, internationaler Austausch, Selbsthilfe, LGBTIQ*, Einsatz für Umwelt, Frauenrechte, Arbeitnehmer*inneninteressen … Die Liste ist unendlich fortzuführen und auszudifferenzieren. Es gibt fast keinen Lebensbereich, der nicht durch zivilgesellschaftliches Engagement getragen oder bereichert wird.

Und doch: Jetzt in der Krise geht es wieder vor allem um andere – insbesondere, wenn es um finanzielle Rettung geht. Für jeden einzelnen Detailaspekt der Wirtschaft wird ein eigenes Programm aufgelegt, häppchengerecht je nach Lobbygruppe. Dabei spielen dann weder wirtschaftliche Solidität noch klimapolitische Kriterien eine große Rolle – Erhalt des Status Quo und Schutz von Arbeitsplätzen zählen – egal, wie sinnvoll und nachhaltig das ganze ist. Die Wirtschaft muss wieder zum Brummen gebracht, Wachstum steht über allem.

Positiv ist zumindest, dass die Kultur endlich auch als relevanter Wirtschaftsfaktor verstanden wird. Aber auch hier: Dass viele Millionen Menschen jede Woche entspannen, Inspirationen & neue Energie tanken spielt weniger eine Rolle als die Tatsache, dass natürlich auch dieser Sektor ein relevanter Arbeitgeber ist und Umsätze in einer relevanten Größenordnung gemacht werden.

Dabei sind die Grenzen natürlich fließend. Viele Kulturbetriebe existieren nur, weil sie von gemeinnützigen Vereinen getragen und oft gemischt von Angestellten & Ehrenamtlern am Laufen gehalten werden. Viele Sportvereine finanzieren sich gerade durch den Betrieb einer Kneipe oder die Vermietung Ihrer Anlage und können nur so überhaupt Kinder- und Jugendsport kostengünstig anbieten. Jugendaustauschorganisationen haben die Größe eines mittelständischen Unternehmens was Umsatz und Zahl der Mitarbeiter*innen betrifft, könnten aber trotzdem nie so vielen jungen Menschen die Erfahrung eines Auslandsaufenthaltes ermöglichen, wenn da nicht ein Mehrfaches an Ehrenamtlern aktiv wären. Auch diese Liste ließe sich unendlich fortsetzen.

Was all diese Vereine und Organisationen eint: Anders als jedes gut geführte Unternehmen haben Sie per Definition sehr geringe, in der Regel eher gar keine Rücklagen, die Ihnen über kurze Durststrecken helfen könnten. Wie in allen anderen Lebensbereichen gilt auch hier aufgrund des „Lockdowns“: Kosten fallen weiter an, Einnahmen, um diese auszugleichen, entfallen (fast) komplett. Glücklich schätzen kann sich eventuell noch, wer zumindest teilweise gefördert wird – aber auch hier ist aktuell oftmals unklar, was passiert, wenn die geförderten Leistungen wegen der Kontaktbeschränkungen objektiv nicht erbracht werden können. Da kommen insbesondere in den eh schon klammen Kommunen noch spannende Diskussionen auf die Politik zu.

Insbesondere in einer demokratischen Gemeinschaft ist die Zivilgesellschaft systemrelevant denn sie ist der Ausdruck dieses zentralen Kerngedankens: Jede*r tut an ihrem Platz, was sie am besten für die Gemeinschaft beitragen können.

Und genau deshalb ist es jetzt wichtig, endlich auch dafür zu sorgen, dass die Strukturen der Zivilgesellschaft geschützt werden. Das Vereinssterben hat in bestimmten Bereichen bereits begonnen, erste Insolvenzen wurden schon angemeldet. Wenn wir nicht wollen, dass wir nach der Gesundheits-Krise eine ernsthafte Krise der Gesellschaft zu beklagen haben, ist jetzt Zeit zu handeln!

Die Grünen haben dazu Ende April einen Antrag in den Bundestag eingebracht – aktueller Status ist zumindest dem Autor unbekannt und größere öffentliche Reflektion des Themas oder ernsthafte Diskussionen von Lösungsansätzen habe ich bisher leider nicht wahrgenommen.

Umso wichtiger finde ich es, jetzt parallel den öffentlichen Druck aufzubauen. Dafür hat die gemeinnützige Spendenplattform betterplace.org jetzt eine Petition auf den Weg gebracht. Ich persönlich würde mich sehr freuen, wenn das postulierte Ziel von 50.000 Unterstützer*innen nicht nur erreicht, sondern um ein Vielfaches übertroffen wird. Zeit wird es allemal, auch die Zivilgesellschaft als relevanten Faktor für unser gemeinsames, solidarisches Zusammenleben zu begreifen.
Deshalb: Es ist an uns, zu bestimmen, in welcher Welt wir in Zukunft leben wollen! Mitmachen, Unterschreiben, Weitersagen!

Hier gehts zur Petition:
https://www.betterplace.org/c/neues/wir-wollen-deinen-namen

Bild: https://www.pixabay.com

Autor: tomatenfisch

If I can´t dance to it, it´s not my revolution. emotionale Dampfwalze eitle Rampensau immerwaehrender Besserwisser und trotzdem gibt es Leute die mich moegen. Verrückt. :-) Fav's: Stockholm; Punk; IndieRock; Dancing; Parties; Running; Vodka; NewEngland; RedSox; Tea; JellyBeans; Books; Movies; RadioEins and about thousand other things that make life worth living every single day...

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