Raute hat fertig

So wenig aufgeregt wie sie regiert hat: Merkel organisiert ihren Abgang. Überrascht sollte niemand mehr sein. Eine Zäsur ist es in jedem Fall.

Ich könnte mich jetzt als guten Propheten darstellen, aber sind wir alle mal ehrlich: Die Prognose, dass nach Hessen eine Veränderung ansteht, brauchte keine hellseherischen Fähigkeiten.

Kanzlerin Merkel hat also angekündigt, dass ihre Nachfolge ansteht. Und alle sind wieder ganz, ganz aufgeregt. Was im politischen Geschäft als normaler Vorgang gelten sollte, verursacht wieder vor allem eines: viele Spekulationen. Die Medien überschlagen sich mit Prognosen, Sondersendungen und Eilmeldungen – jeder will Erste*r sein.
Alles so langweilig aber fein, kann ich auch mitmachen und meine Gedanken zum Besten geben:

  • Respekt! Wenige Menschen in solch einer Macht/Verantwortungsposition schaffen es, ihren Abgang organisiert anzugehen statt irgendwann aus dem Amt gehievt zu werden wenn es schon längst nur noch peinlich ist.
  • Respekt! Bei aller inhaltlichen Kritik bei so vielen Themen: Dass Frau Merkel es geschafft hat, so lange so konsequent und nachhaltig ihr Ding durchzuziehen ist eine Leistung, die ihr den Eintrag in die Geschichtsbücher verdient.
  • Vorsicht! Nicht zu Unrecht wird Frau Merkel seit langem vorgeworfen, immer „auf Sicht zu fahren“. Ich teile die Kritik an einer Politik, die vor allem von Umfragen getrieben und „pragmatisch am Wind“ gesteuert wurde. Und gleichzeitig fürchte ich, dass das Pendel komplett umschlägt und statt sachlicher problemlösungsorientierter Politik wieder eine viel zu lang bekannte und verachtete Politik der „dicken Eier“ zurückkommt: Wer am lautesten schreit bekommt Recht, wer die drastischsten Vorschläge macht, dem wird zugehört, wer ausgrenzt schafft sich Mehrheiten – das ist keine Kultur, die ich zurückhaben möchte.
  • Schade! Mir fallen so viele Gründe ein, weshalb ich mich über den Abgang von Frau Merkel freuen würde. Verbunden wird er aber mit einem – aus meiner Sicht – so falschen Narrativ. Nicht ihr Versagen in der Umweltpolitik, ihr Zaudern bis zum Schluss in der Dieselaffaire, ihre schlechte Sozialpolitik etc. sind die Dinge, die zum Abgang führen sondern genau dieser eine Moment, in dem sie einfach nur human gehandelt hat. Eine angebliche Grenzöffnung wird ihr vorgeworfen von all den dumpfen „Merkel-muss-weg“-Rufern – wo seit Schengen gar keine Grenzen mehr bestehen.
  • Achtung! Bei all der unvernünftigen Aufregung gehen einige andere, viel spannendere Themen leider unter.
    1. In ihrer Erklärung hat Merkel der aktuellen Bundesregierung ein mieses Arbeitszeugnis ausgestellt und deutlich gemacht, dass es um viel mehr als Kommunikationsprobleme geht: Arbeitskultur, die abstößt! Qualität der Arbeit ist nicht gewährleistet! – Überraschend selbstkritisch, bedenkt mensch, dass sie noch immer die Chefin ist und weiterhin Richtlinienkompetenz hätte.
    2. Der zentrale Störenfried Seehofer und seine CSU-Jünger sollten jetzt nicht unter den Radar geraten. Aussitzen und einfach weitermachen ist nicht!
    3. Die weiterhin umwelt- und gesundheitsfeindliche Politik der CDU (Diesel, Braunkohle etc.) darf nicht weiter durchgehen – während sinnlos spekuliert wird, wer nun alles den Hut in den Ring wirft, wird z.B. im Hambacher Revier der Konflikt weiter eskaliert, Schleifen von Pressefreiheit inklusive.
  • Und jetzt? Jetzt kommen sie aus ihren Löchern. Der Kampf um die Nachfolge in der CDU hat begonnen mit erwarteten und überraschenden Kandidat*innen. Und die Medien freuen sich über eine schöne Schlacht um Parteivorsitz und Kanzleramt – dabei eines vergessend: Wer sagt eigentlich, dass der/die nächste CDU-Vorsitzende auch Kanzler*in wird? Hab nochmal im Grundgesetz nachgesehen, Erbhöfe konnte ich nicht finden. Liebe Union, sortiert Euch, findet Euch. Es ist Euch und dem Land nur zu wünschen, dass ihr einen Markenkern (wieder)findet, der eine verbindende, werte-orientierte, stabilisierende Politik betreibt ohne den Rückgriff auf alte, vergangene Zeiten, ohne das abrutschen ins rassistische, diskriminierende, ausgrenzende. Letzteres würde Euch nicht bekommen und die Rechten nur weiter stärken – Ersteres wäre als Schutzmauer gegen alte und neue Nazis dringend nötig. Ich werde diese konservative Politik immer kritisieren und für andere, progressive Inhalten streiten – dass auch diese Seite im demokratischen Spektrum realistisch abgebildet werden muss weiss ich und respektiere das.
  • Die anderen bringen sich ja alle schon in Stellung und hoffen auf Fallout-Effekte. Was und wieviel sich materialisieren wird muss sich erst noch zeigen. Wer jetzt sofort Neuwahl ruft sollte zumindest auch ne Idee haben, mit welchen Inhalten dann dort angetreten werden soll. Bei den Grünen habe ich da wenig Sorge, ansonsten schon. Ich hoffe inständig, SPD und auch Teile der Grünen versuchen nicht, einfach nur die ggf. enstehende Lücke in der Mitte „zu füllen“. Eine Erneuerung für die SPD mit eigenen, dringend notwendigen Markenbotschaften wäre das nicht. Und für die Grünen – erfolgreich wie noch nie in ihrer Geschichte – sollte der Fokus auf einem konsequenten Durchhalten der aktuellen Strategie liegen: Klare, eigene Inhalte – in der Sache eindeutig, in der Form wertschätzend, gewinnend und konstruktiv-pragmatisch vertreten.

Mäßigt Euch!

Populistische, faktenfreie Entrüstungsrethorik ist ein echtes Problem für die politische Kultur. Zeit, das mit Links zu überwinden. Positive Beispiel gibt es zur Genüge.

Es ist spannend zu sehen, wie jetzt wieder gerätselt wird. Gerade noch war die Demokratie in Deutschland von Rechts massiv unter Beschuss und plötzlich werden mit Erfolgen von Links echte Achtungszeichen gesetzt. Ich behaupte: Eine positive, optimistische Haltung wird honoriert wo sie konsequent gelebt sichtbar ist. In Berlin hat Rot-Rot-Grün eine stabile Mehrheit und mit Klaus Lederer ist dort ein Bürgermeister unterwegs, der entgegen dem üblichen Linken-Image Spaß an Politik macht und genau damit begeistert. Und die aktuellen Erfolge der Grünen hängen maßgeblich an der klar konstruktiv-positiven Botschaft von Habeck und Baerbock – eindeutig in der Sache, fest in den grünen Kernthemen und gleichzeitig immer offen für den Diskurs und wertschätzend im Umgang mit Wählern wie politischen Konkurrenten. Darauf, finde ich, lässt sich aufbauen – das sind Formen der Kommunikation, die Brücken bauen, gestalten wollen und hoffentlich noch viel mehr Erfolg haben.

Wer heute in modernen, mitarbeiterorientierten Unternehmen Personalverantwortung übernimmt lernt viel darüber, wie wichtig positive Kommunikation ist: Ausbau der Stärken statt permanenter Fokus auf Schwächen; strukturiert-konstruktives Feedback das die Weiterentwicklung unterstützt; klare Ansagen in der Sache, wertschätzender Umgang in der Form. Warum das Ganze? Weil in der Personalführung längst verstanden wurde, dass Menschen motiviert werden wollen und dass sie genau dann ihr Bestes geben, wenn sie Wertschätzung für Ihre Arbeit, für Ihre Qualifikation und ihre Erfahrung erleben. Wer immer nur in Angst vor der nächsten Maßregelung – im schlimmsten Fall auch noch öffentlich – unterwegs ist wird niemals produktiv oder gar kreativ sein sondern „Dienst nach Vorschrift“ leisten oder direkt in die „innere Kündigung“ wechseln. Um ganz klar zu sein: Unternehmen sind vor allem an möglichst produktiven Mitarbeitern interessiert und glückliche Mitarbeiter sind günstiger zu halten als wenn ich Unzufriedenheit mit dem Job durch hohes Gehalt kompensieren muss. Das kann mensch natürlich kritisieren – es funktioniert trotzdem und wird in der Regel von beiden Seiten als Win-Win-Situation betrachtet.

Entsprechend bin ich irritiert, wie konsequent dieses Wissen um die Wirkung positiver Kommunikation in großen Teilen der Politik ignoriert werden.
Dass die Rechte vor allem mit Angstmache, Ausgrenzung und Ablehnung, mit Unterstellungen und Falschmeldungen agiert ist nicht neu und wird wohl immer elementarer Teil ihrer Strategie bleiben – weil ihre Zielgruppe dafür affin ist, ihre Ziele damit so effektiv zu erreichen sind und sie die negativen Folgen für die politische Kultur wissentlich und willentlich in Kauf nehmen, teilweise gar beabsichtigen.
Umso ärgerlicher finde ich es, dass auch auf der Linken eine Sprache prägend ist, die oftmals nur genau eines zum Ziel zu haben scheint: Recht haben und die andere Seite maximal verächtlich machen. Und je linker die eigene Position, desto mehr Menschen gehören ganz offensichtlich zur „anderen Seite“. Zur Rechthaberei habe ich vor gut zwei Jahren schon einmal geschrieben und es stimmt leider weiterhin jeder Satz.
Und der von mir geschätzte Erik Flügge schrieb vor einigen Jahren ein spannendes Buch zur Sprache der Kirche (Der Jargon der Betroffenheit) das genauso gut auch hätte von der politischen Linken handeln können.

Diese Art der linken politische Kommunikation ist – so wirkt es mit wenigen Ausnahmen – immer problemorientiert, verbissen und rechthaberisch (manche nennen es dogmatisch) und vor allem destruktiv: Anti, anti, anti… Das Problem daran? Wer so kommuniziert hat nie eine Chance, im Rahmen demokratischer Mechanismen echte Erfolge zu feiern. Jeder erreichte Fortschritt ist immer zu wenig. Jeder noch so kleine Kompromiss, der in die richtige Richtung weißt, ist keine 100%ge Erfüllung des Versprochenen. Jeder Erfolg für die eigene Sache wird sofort relativiert – Ja, aber… Jedes Zugeständnis an aktuelle politische Partner ist sofort ein Verrat an der Sache.
Live zu beobachten bei den Linken, bei Teilen der Grünen und auch bei Teilen der SPD sobald an der Regierung beteiligt. Nicht zu beobachten bei den ganz linkslinken Sekten – weil sie nie in der Gelegenheit kommen (werden) politisch relevant zu sein und frei von jeder Gefahr der Verantwortung einfach immer gegen alles sein können. Und genau da liegt die Krux: Wer so agiert kann, will und wird nicht gestalten – mit Rechthaben ist in einer Demokratie kein Staat zu machen, das geht nur in absolutistischen Regierungsformen. Was viel zu oft fehlt? Die positive Geschichte, die konstruktiven Gestaltungsvorschläge, echte Alternativangebote, für die zu kämpfen Spaß machen würde.

Beispiele? Einführung Mindestlohn – hat die politische Linke zusammen mit Gewerkschaften lang für gekämpft – Erfolg: Ja, aber… 8,50€ sind zu wenig. Atomausstieg – hat die Umweltbewegung lang für gekämpft – Erfolg: Ja, aber… viel zu langsam. 240.000 Tausend Menschen demonstrieren in Berlin für eine solidarische, inklusive, bunte, weltoffene Gesellschaft – Großartig! Ja, aber… da waren auch welche dabei, die haben mal  die israelische Regierung kritisiert. Immer mehr Menschen achten im Privaten auf nachhaltigen, fairen Konsum – Hervorragend! Ja, aber… das können sich nicht alle leisten und das Kohlekraftwerk läuft ja immer noch weiter.

Wer glaubt, mit dem Kopieren rechter Kommunikationsstrategien progressive Politik machen zu können ist auf dem falschen Weg. Können wir es uns wirklich leisten, in Zeiten wie diesen immer noch vor allem im eigenen politischen Lager hart um maximale Abgrenzung zu kämpfen statt die Gemeinsamkeiten zu suchen und zu nutzen? Ich denke, #Unteilbar war diesbezüglich Botschaft und Auftrag gleichermaßen: Kommt zusammen, überwindet die Unterschiede und arbeitet an dem, auf das Ihr Euch einigen könnt!

 

 

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Leg dein Ohr auf die Schiene der Geschichte

Wer Geschichte ignoriert und nicht aus ihr lernt ist immer wieder zu den gleichen Fehlern verdammt. Keine neue Weisheit und doch heute um so relevanter.
#NieWieder #VonGeschichteLernen #911 #September11

Der 11. September ist einer dieser Tage im Jahr, in dem Weltgeschichte (hoffentlich) immer präsent sein wird und zeigt, wie scheinbar lokale Ereignisse das Geschehen aller beeinflussen. Putsch in Chile 1973 und Beseitigung einer frei gewählten sozialistischen Regierung durch Faschisten mit Unterstützung der CIA. Terroranschläge auf World Trade Center & Pentagon 2001 durch radikale Islamisten. Für eine komplette Liste aller Ereignisse einfach Wikipedia fragen!

Ein guter Tag – Danke #Chemnitz

Wer die Diskussionen um das Konzert in #Chemnitz verfolgt weiss genau, weshalb es genau richtig ist. #WirSindMehr #AlertaAntifascista

Der rechte Mob tobt auch heute. Nicht in Chemnitz – hier dürfen sie nicht auf die Straße – und müssten sich wohl auch der Übermacht der von ihnen so verhassten Gutmenschen geschlagen geben. Aber im Internet, da sind sie aktiv wie selten – hetzten gegen ein Konzert als gäbe es kein Morgen mehr. Habt Ihr wirklich Angst vor ein paar linksgrünversifften Musikern? Schön!

Wer die Kommentare der Trolle bei so ziemlich allen berichtenden Medien liest, weiss vor allem Eines: #WirSindMehr war mehr als überfällig. Es tut ihnen weh, so massiv Gegenwind zu bekommen und das ist auch gut so. Und das sich CDU und FDP nicht zu doof sind, in den Chor von „Blöd“-Zeitung und Co. einzustimmen ist traurig und doch wenig überraschend – Haken dran.

Etwas irritierender dann schon, dass es auch von „linker Seite“ rumgemosert wird. Kommerz, Feelgood, „naive Auswärtige“ die danach wieder verschwinden – auch in Teilen der Linken gibt es weiterhin scheinbar den Glauben, mensch muss sich erst einmal dafür qualifizieren, ein „echter Antifa“ zu sein.

Künstlern wie Kraftklub oder Trettmann, die selbst aus Karl-Chemnitz-Stadt kommen, zu unterstellen, sie wüssten nicht, was vor Ort vorgeht ist einfach nur absurd. Alle auftretenden Künstler beziehen seit vielen Jahren aktiv und unmissverständlich Position gegen die braune Pest – und mussten sich dafür schon viel zu oft selbst anfeinden lassen.

Es tut gut, zu sehen, wie so viele Menschen mit guter Laune positive Botschaften zum besten geben, das Leben und die Vielfalt feiern – und sich genau damit gegenseitig bestärken. Wer allen Ernstes „Partytourismus“ unterstellt, verkennt absichtlich, dass die allermeisten der Teilnehmer sehr bewusst angereist sind – dass diese Menschen jeden Tag aktiv für eine offene, gerechte, solidarische Welt eintreten – da wo sie leben, studieren, arbeiten… auf den vielen CSD’s, auf Antifademos jedes Wochenende in einer anderen Stadt, als Helfer in Flüchtlingsheimen oder aktive Politiker in Gremien aller Ebenen. Und dafür ist es wichtig, immer wieder auch zu sehen, dass mensch nicht allein ist – gerade in einer Region wo das leider nicht selbstverständlich ist.

Insofern halte ich es zu 100% mit Felix Brummer, Kraftklub: „Wir sind nicht naiv. Wir wissen, dass wir mit einem Konzert nicht die Welt retten. Aber wir wohnen auch noch in Chemnitz, wenn die Kameras wieder weg sind. Manchmal ist es wichtig, dass man sich nicht allein fühlt.“

Danke Kraftklub, danke Trettmann, danke Feine Sahne Fischfilet, danke K.I.Z., danke Nura, Marteria & Casper, danke „Die Toten Hosen“ und vor allem danke an das Chemnitz wie es sich heute gezeigt hat – zusammen mit vielen Gästen aus der Bunten Republik Deutschland.

And the same shit all over again?

der unterschied zum letzten mal? es gab noch kein social media. heute sitzen wir zu hause und schauen live dabei zu, wie das land einmal mehr vor die hunde geht. #Chemnitz #c2708

der rechte mob tobt wieder in #Kaltland